Marie-Elisabeth Lüders (1878 – 1966) und die MELO

Marie-Elisabeth-Lüders
Foto: Landesbildstelle Berlin

„Die liberale Politikerin Marie-Elisabeth Lüders gehörte zu den bedeutendsten Sozialpolitikerinnen und wichtigsten Vertreterinnen der Frauenbewegung in Deutschland.

Marie-Elisabeth Lüders kam als sechstes Kind einer schleswig-holsteinischen Beamtenfamilie am 25. Juni 1878 in Berlin zur Welt.“1 „Sie hatte eine glückliche Kindheit. Ihr Vater, Mitglied des Innenministeriums, war schon Ende des 19. Jahrhunderts ein Verfechter der Einrichtung von Fachschulen auch für Mädchen und unterstützte deshalb den Lette-Verein, der neben dem Allgemeinen deutschen Frauenverein (AdF, 1864 gegründet) für die Erreichung des staats- und privatrechtlichen Gleichstellung der Geschlechter und die Überwindung des Bildungs- und Berufsprivilegs der Männer eintrat.“2 „Nach dem Besuch der höheren Töchter- und der wirtschaftlichen Frauenschule bereitete sie sich zwischen 1906 und 1910 auf das Abitur vor, das sie gegen den Widerstand des Direktors, an dessen Schule die Prüfung abgenommen wurde, bestand und studierte zugleich Nationalökonomie an der Universität Berlin, wo sie 1912 als erste Frau in Deutschland zum Dr. rer. pol. promoviert wurde. Bereits 1909 gründete sie den “Verband für handwerksmäßige und fachgewerbliche Ausbildung der Frau” und übte von 1912 bis 1918 mehrere leitende Funktionen in der Sozial- und Frauenarbeit aus.“1

„Während des Ersten Weltkrieges sammelte sie in verschiedenen Funktionen bereits umfangreiche Erfahrungen in lebensnaher Sozialpolitik. Von 1918 bis 1921 war M.-E. Lüders Studiendirektorin der Niederrheinischen Frauenakademie in Düsseldorf und bearbeitete später im Reichsarbeitsministerium die sozialpolitischen Fragen für Arbeiterinnen, weibliche Angestellte und Heimarbeiter. Sie war eine der ersten Frauen, die in ein Ministerium berufen wurden.“2

Wohnungsnot in Deutschland

„Im Januar 1928 wurden in Deutschland erschreckende Zahlen über den Rückgang der Bevölkerung und den Rückgang der Geburtenziffern bekannt. Noch bevor ein interfraktioneller Ausschuss in Aktion trat, wandte sich Lüders an den Reichstag: ‚Wo sollen die Kinder geboren werden? Wo sollen denn Kinder aufgezogen werden (…)?‘ Lüders verwies auf die herrschende Wohnungsnot und zeigte sich in dieser Frage unerbittlich und kompromißlos. Sicher den bitteren Erfahrungen als Wohnungspflegerin folgend. ‚Es werden uns permanent die schönsten Reden gehalten über Bevölkerungspolitik, über die Notwendigkeit der sittlichen, der geistigen und physischen Hebung der Deutschen Nation. Die allerelementarsten Erfordernisse, die erfüllt werden müssen, um die schlimmsten Mißstände zu beseitigen, werden aber nicht erfüllt. Man rückt nämlich der Wohnungsnot nicht mit aller Energie zu Leibe.‘  Für Lüders gab es keine Aufgabe von größerer volkswirtschaftlicher Bedeutung als die Wohnungsfrage, und es würde ein Verbrechen an der gesamten Nation begangen, wenn nicht alle Kraft und alles Geld für deren Lösung eingesetzt würde. Jene permanente Wohnungsnot war mit dafür verantwortlich, daß der allgemeine Gesundheitszustand der Bevölkerung schlecht war.“2
„Trotz vieler Anstrengungen ist es nicht gelungen, den Wohnungsmangel einzudämmen. ‚Den objektiven Fehlbedarf schätze ich auf 200.000 Wohnungen‘, heißt es aus dem Roten Rathaus. Jährlich müssten mindestens 70.000 Wohnungen gebaut werden. Doch hilft das auch den Geringverdienern? Die Mieten im Neubau, kommentiert die Tagespresse, seien unerschwinglich. Den Grund nennt eine Abgeordnete des deutschen Parlaments. ‚Die üblichen Baukosten‘, sagt sie, ‚sind viel zu hoch.‘  Nein, das ist nicht das tagtägliche Wehklagen über Wohnungsmangel und Mietenexplosion im Hier und Jetzt, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme aus dem Berlin zu Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929. Der Stadtbaurat, der den Neubau noch weiter ankurbeln wollte, war Martin Wagner, jener Mann der Moderne, der auch den Entwurf für den Umbau des Alexanderplatzes vorgelegt hatte.
Die Abgeordnete aus dem Reichstag, die die Baukosten radikal senken wollte, gehörte den Liberalen an. Es war Marie Elisabeth Lüders, nach der heute ein Gebäude des Deutschen Bundestags benannt ist. Und das gemeinsame Projekt, das sie aus der Taufe heben wollten, nannten sie “Reichsforschungssiedlung”. In dieser größten und letzten Siedlung der Weimarer Republik sollte auch in der Praxis der Beweis erbracht werden, dass günstiges Bauen für breite Bevölkerungsschichten möglich ist.“4 „Lüders schlug ein Wohnungsbauprogramm mit einem Kostenaufwand von 200 Millionen Mark vor, mit dessen Hilfe erschwingliche Kleinwohnungen geschaffen werden sollten. Versuchsbauten und Versuchssiedlungen sollten errichtet werden, bei denen es um die Erprobung von billigen Baumaterialien und effektiven Baumethoden in größerem Maßstab gehen sollte. Lüders blieb an den von ihr angeschobenen Aufgaben mit Hartnäckigkeit dran. Außerdem appellierte sie an die Privatunternehmer, ihr Kapital im Wohnungsbau anzulegen, um vor allem dem Mittelstand aus der Wohnungsmisere zu helfen.“3 „Reichsforschungssiedlung, das klingt nach Reichssportfeld oder Reichsstraße, nach Nazi-Größenwahn. ‚Tatsächlich aber war es ein fortschrittliches Projekt‘, sagt Michael Bienert, der in Haselhorst Stadtführungen anbietet und nun ein Buch über die Geschichte der Siedlung und die Sanierung geschrieben hat. Der heute seltsam klingende Name geht zurück auf die “Reichs-forschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen”, einer Denkfabrik der Wohnungsreformer in der Weimarer Republik. „Die Reichsforschungssiedlung”, ist Bienert überzeugt, ‚war ein Stück gebaute Utopie, getragen von progressiven Politikern, Architekten und Vertretern der Bauwirtschaft.‘  Luxus war es also nicht, der da im Auftrag, möglichst billig zu bauen, entstand. Aber ihren Zweck haben sie erfüllt. In den Archiven der Gewobag stieß Bienert auf einen Geschäftsbericht aus dem Jahr 1932. Demzufolge betrug der Anteil der Arbeiter in den bis dahin 2.472 fertiggestellten Wohnungen 36,9 Prozent. Die Angestellten machten mit 42 Prozent den größten Teil der Bewohnerschaft aus, es folgten Beamte mit 7,7 und Pensionäre mit 4,3 Prozent. ‚Der Arbeiteranteil ist im Vergleich mit den anderen Siedlungen der Weimarer Zeit sehr hoch‘, sagt Bienert. ‚Die meisten von ihnen arbeiteten bei Siemens in der Siemensstadt.‘4

Kampf für die Gleichberechtigung der Frau

„Seit November 1918 Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei rückte Marie-Elisabeth Lüders im August 1919 für den verstorbenen Friedrich Naumann in die Verfassunggebende Nationalversammlung nach. In den Jahren 1920/21 und von 1924-1930 war sie Mitglied des Reichstages, wo sie für die Gleichberechtigung der Frau kämpfte und für eine Verbesserung der Situation der Arbeitslosen, für den Kinder- und den Jugendschutz und eine Reform des Strafrechts eintrat.“1 Ebenso setzte sie sich für eine Reglementierung der Prostitution und für ein Gesetz zur Eindämmung von Geschlechtskrankheiten ein. „Für Lüders galt: ‚Anpacken nicht nur mit Kritik, sondern mit Vorschlägen für Veränderungen und Verbesserungen des Bestehenden.‘3

1927 wurde sie auf Vorschlag der bedeutendsten deutschen Frauenorganisationen zur Weltwirtschaftskonferenz in Genf delegiert.
Nach ihrer Wahl 1930 als Vorsitzende des Deutschen Akademikerinnenbundes wurde sie am 6. Januar 1932 als deutsche Vertreterin verschiedener Frauenorganisationen in den Abrüstungsausschuss der Weltfrauenorganisation delegiert.“2

1953 wurde M.-E. Lüders Berliner Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Sie schreibt in ihrer Biografie: ‚Als ich 1953 die parlamentarische Arbeit wieder begann, war Gefahr im Verzuge, daß der Artikel 117 des Grundgesetzes, der die volle Gleichberechtigung der Frauen vorsah, nicht eingehalten wurde. […] Es war nur zu begreiflich, daß die gegensätzlichen Auffassungen besonders dann aufeinanderstießen, wenn die Anhänger der schon früher angeblich gottgewollten Unterordnung der Frau sich zu Worte meldeten. Unter den Wortführern dieser Auffassung fanden sich was bedauerlich, aber verständlich ist auch viele Frauen, die in dieser Auffassung groß geworden waren und, soweit verheiratet, begreiflicherweise von ihren Ehemännern noch bestärkt wurden. Für viele von ihnen handelte es sich nicht in erster Linie um eine juristische, sondern um eine ausgesprochen weltanschauliche Frage. Deshalb traten sie dafür ein, die Durchsetzung der grundsätzlichen Vorschrift des Artikels 117 des Grundgesetzes soweit wie möglich hinauszuschieben, wenn nicht überhaupt aufzuheben. Gegen diese Bestrebungen kämpfte ich unentwegt an, im Ausschuß, in Artikeln und in zahllosen Vorträgen. Wäre diese Forderung durchgedrungen, wären wir genausoweit wie im Anfang gewesen, d.h. die alte, schon vor über 30 Jahren bekämpfte Diskrepanz zwischen Gesetz und Leben wäre auch weiterhin aufrechterhalten worden. Allen, die diese Gegensätze aus langer Praxis kannten, war es klar, daß dann sehr bald Bestimmungen folgen würden, die nicht nur im einzelnen auf die Erhaltung der gottgewollten Abhängigkeit vom Mann hinausliefen, sondern sich auch auf das Verhältnis der Ehefrau und Mutter den Kindern gegenüber erstreckten.‘ 5
Dieses und viele andere Anliegen vertrat M.-E.Lüders energisch im Bundestag, unter anderem das Ladenschlussgesetz, eine Kindergeldregelung und vieles mehr.

Berufs- und Publikationsverbot

„1933 belegten die Nationalsozialisten Marie-Elisabeth Lüders mit einem Berufs- und Publikationsverbot.“1 1936 veröffentlichte sie das Buch “Das unbekannte Heer – Frauen kämpfen für Deutschland 1914 – 1918″. Das Buch war den Nazis im Hinblick auf die Mobilisierung von Frauen für den Krieg willkommen. Trotzdem erhielt sie 1937 Publikationsverbot und wurde von Juni bis Oktober 1937 im Zuchthaus Moabit wegen angeblicher “Heimtücke” inhaftiert, aus der sie nach Protesten von internationalen Frauenorganisationen und Mitgliedern des Diplomatischen Corps freikam. Die von ihr geleiteten Organisationen, wie z.B. der Deutsche Akademikerinnenbund, wurden aufgelöst. Danach tauchte sie kurzzeitig in Freiburg unter. Dann beteiligte sie sich an einer Hilfsaktion für jüdische Bürgerinnen und Bürger, die von Quäkern organisiert worden war. Sie nahm Verfolgte in ihrer Wohnung in Eichkamp auf. Im Dezember 1943 wurde ihre Wohnung ausgebombt, sie ging nach Baden.
Nach einer Tätigkeit als Lehrerin an einer amerikanischen Verwaltungsschule kehrte sie 1947 nach Berlin zurück und wurde in die Sozialverwaltung berufen.

Wiederaufbau der Fürsorge und ärztlicher Versorgung

„Ab Juli 1947 wieder in Berlin, wurde sie sofort in die Sozialverwaltung berufen. Von 1948 bis 1950 war sie Abgeordnete der FDP im Stadtparlament von Westberlin und von 1949 bis 1951 leitete sie als Stadträtin die Abteilung Sozialwesen im Berliner Magistrat bzw. Senat.

In den Jahren 1948/49 war Marie-Elisabeth Lüders als Mitglied der Berliner LDP/FDP Stadtverordnete und ab 1949 zwei Jahre lang Stadträtin für Sozialwesen, als welche sie sich große Verdienste um dem Wiederaufbau der Fürsorge und der ärztlichen Versorgung erwarb. Von 1953 bis 1961 gehörte sie dem Deutschen Bundestag an, dessen konstituierende Sitzungen sie 1953 und 1957 als Alterspräsidentin eröffnete. Als Parlamentarierin widmete sie sich erneut frauenpolitischen Themen und ergriff mehrmals die Initiative in Gesetzgebungsfragen, so bei der sog. „Lex Lüders“ zur Regelung der rechtlichen Stellung einer mit einem Ausländer verheirateten Deutschen. Im November 1957 wandte sie sich mit den Worten ‚Wer schweigt, stimmt zu‘  in einem Aufruf an die Frauen der Welt, angesichts der damaligen Rüstungspsychose alles zur Erhaltung des Friedens zu tun.

M.-E. Lüders initiierte wiederholt Gesetzgebungen, wie z. B. die Neuordnung der Jugendgesetzgebung, das Gesetz gegen Geschlechtskrankheiten sowie die [eben] genannte „Lex Lüders“. Sie gehörte zu den bedeutendsten Sozialpolitikerinnen der deutschen Parlamentsgeschichte.“2

Der Mensch – Die Frau

Marie-Elisabeth-Lüders
Foto: © M. Büchner-Schöpf

In einem Interview im Tagesspiegel zu ihrem 80. Geburtstag heißt es: „Wer die temperamentvolle, weißhaarige gebürtige Berlinerin mit den strahlend blauen Augen nur aus Bundestagsdebatten, Wahlversammlungen, von Parteitagen oder Ausschußsitzungen, in Diskussionen oder Debatten kennt, […], [der weiß] bei solchen öffentlichen Gelegenheiten wirkt und brilliert Frau Lüders nicht nur durch ihr Wissen und ihre Erfahrung, sondern kaum weniger durch die schlagfertige Schärfe, mit der sie beides zu nutzen weiß. Sie ist eine unbequeme Gegnerin, denn sie ist zäh und direkt, energisch und beharrlich, und das zusammen sind Eigenschaften, die nicht einmal in den eigenen Reihen jederzeit opportun sein sollen. Aber nach dem, was opportun ist, hat Marie Elisabeth Lüders in ihrem ganzen Leben wahrscheinlich kaum gefragt. Es gibt wenig Leute, die so konsequent wie sie das sagen und tun, was sie für richtig halten.“6

Und Peter Juling schrieb zu ihrem 100. Geburtstag 1978 über sie: „Marie-Elisabeth Lüders war Vorbild für vieles: Sie war eine leidenschaftliche Liberale, eine standhafte Demokratin, eine fleißige Parlamentarierin, eine fürsorgliche Sozialpolitikerin, eine mitfühlende, aber auch entschlossene Frau. In allen diesen Eigenschaften war sie ein gutes Beispiel für die junge Generation, die sie immer wieder zur politischen Mitarbeit motivierte. ‚Politik als Idee ist höchste Verpflichtung‘, schrieb sie, ‚Politik als Tat ist so sauber und schmutzig, wie die Menschen sie wollen – und dulden!‘ “7

In der Verleihungsurkunde zur zweiten Ehrendoktorwürde, die Marie Elisabeth Lüders 1958 von der Rheinischen Friedrich-Wilhelm Universität Bonn verliehen wurde, heißt es u.a. in der Begründung für die Ehrung des Dr. jur.h.c.:

„Einer Frau,

  • die sich um die Gerechtigkeit und das Recht sehr große Verdienste erworben hat,
  • die sich lange Jahre als Mitglied des Deutschen Reichstages und danach als Mitglied des Deutschen Bundestages den Aufgaben der Gesetzgebung mit höchstem Eifer gewidmet hat und sich vor allem um die Reform des Familien- und Eherechts und des Strafrechts bemüht hat,
  • die sich als eine leidenschaftliche Anhängerin der Gerechtigkeit und des demokratischen Staates unentwegt für die Verteidigung der Freiheit der Bürger und der Grundrechte eingesetzt hat, […],
  • die im öffentlichen Auftrag immer an internationalen Verhandlungen teilnahm und ihre Tüchtigkeit in vielen Ämtern bewies,
  • die von Jugend an den Kampf um die Gleichberechtigung der Frau im öffentlichen und privaten Recht aufnahm, vor allem aber dafür sorgte, dass die Frauen zum Richteramt und zu Verwaltungsämtern zugelassen wurden,
  • die durch wissenschaftliche Veröffentlichung und auch durch Leitung des auf das Recht der Arbeit und die soziale Fürsorge schauenden Amtes sich einen großen Namen gemacht hat“.8

„Sie war Ehrenpräsidentin der FDP (Bundespartei), Ehrenvorsitzende des FDP-Landesverbandes Berlin, des Deutschen Frauenrings, des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und der Deutsch-Englischen Gesellschaft.

In ihren Memoiren, die unter dem Titel „Fürchte Dich nicht, Persönliches und Politisches aus mehr als 80 Jahren. 1878-1962“, 1963 im Westdeutschen Verlag GmbH Köln und Opladen erschienen, widerspiegelt sich ihr stets kompromissloser Einsatz gegen Gewalt und Dogmatismus, ihr engagiertes Eintreten für Toleranz und Gerechtigkeit.

M.-E. Lüders war unverheiratet und besaß einen Adoptiv- und Pflegesohn.

Ihre vielfachen Verdienste wurden 1957 durch die Verleihung des Großen Verdienstkreuzes (1961 mit Stern und Schulterband) anerkannt. Die Freie Universität ernannte sie 1953 zum Dr. med. h.c., die Universität Bonn 1958 zum Dr. jur. h.c.

Die Stadt Berlin würdigte sie für ihre Verdienste 1958 mit der Ernennung zur Ehrenbürgerin. Nach der Politikerin ist 1976 eine Straße in Berlin-Charlottenburg benannt“2 und ein Gebäude des Deutschen Bundestages in Berlin.

1961 schied sie aus dem Bonner Parlament aus. Bis 1928 lebte sie in der Uhlandstr. 7, danach mit Unterbrechungen bis zu ihrem Tod am 23. März 1966 zurückgezogen in Eichkamp, Im Hornisgrund 25. Sie ist auf dem Waldfriedhof am Hüttenweg in Zehlendorf beerdigt und 88 Jahre alt geworden.

Der Preis

Der Deutsche Juristinnenbund vergibt in Anerkennung hervorragender rechts- oder wirtschafts-wissenschaftlicher Arbeiten den Marie Elisabeth Lüders-Wissenschaftspreis. Ausgezeichnet werden entsprechend der Preisordnung Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlerinnen. Preiswürdig sind rechts- oder wirtschaftswissenschaftliche Dissertationen und Habilitationsschriften zum Bereich Recht und Geschlecht sowie Arbeiten, die im Zusammenhang mit dem Thema Gleichstellung von Frau und Mann deutliche rechts- oder wirtschaftswissenschaftliche Bezüge aufweisen. Der Preis besteht aus einem Druckkostenzuschuss in Höhe von 2.000,- Euro und wird alle zwei Jahre durch die Präsidentin im Rahmen der Mitgliederversammlung verliehen, zum ersten Mal im September 2009 in Karlsruhe. Von 2009 bis 2013 wurden die Preise von Dr. Melitta Büchner-Schöpf gestiftet.

Das Gebäude

Das jetzige Gebäude der MELO, Steinmetzstr. 79, Ecke Kurfürstenstraße, beherbergte ursprünglich die Viktoria-Fachschule, die 1878 gegründet wurde. Folgendes berichtet der Tagesspiegel 1978 zur Viktoria- Fachschule:

„Vor 25 Jahren drohte einer Schule zum 100jährigen die Schließung

BERLINER CHRONIK

Eines der größten Schulgebäude in Schöneberg, die Viktoria-Fachschule an der Steinmetz- und Kurfürstenstraße, ist bis zum Dach instandgesetzt worden. Derart gerüstet feiert die Schule ihr 100jähriges Bestehen. Aber der Schöneberger Volksbildungsstadtrat Bürger sah sich zu der Bemerkung veranlaßt: „Wir wollen nicht den 100. Geburtstag feiern und sie dann sterben lassen.“ Die Senatsplanung für Oberstufenzentren sieht nämlich vor, ein Zentrum für Hauswirtschaft und Ernährung an der Cyclopstraße in Wittenau zu bauen. Dann soll die bisherige Viktoria-Fachschule aufgelöst werden, wogegen bereits jetzt von der Schule und vom Bezirksamt Schöneberg energisch Protest angemeldet wird. Es würde bedeuten, daß die teuren Investitionen vergeblich geleistet wurden. In der Viktoria-Fachschule werden Wirtschafterinnen, Hauswirtschaftsleiterinnen und Bekleidungstechniker ausgebildet.“9 Die Viktoria-Fachschule ist dann doch aufgelöst worden und hat den Grundstock für die Emil-Fischer-Schule in Wittenau gelegt. Die Marie-Elisabeth-Lüders-Oberschule ist 1983 aus Schmargendorf (Friedrichshaller Str.) in das Gebäude der ehemaligen Viktoria-Fachschule gezogen.

Die MELO

Marie-Elisabeth-Lüders
Foto: Bundespresseamt

1953 war ein in vielerlei Hinsicht ereignisreiches Jahr für Marie-Elisabeth Lüders. Die hauswirtschaftliche Schule in Schmargendorf erhielt ihren Namen, denn damals gehörten der Berufs und Berufsfachschule Wilmersdorf (zu diesem Zeitpunkt Berufsschule für Säuglings- und Altenpflege) vor allem ungelernte Arbeiterinnen an. Ihre Arbeitsbedingungen verbessern zu helfen, hat Marie- Elisabeth Lüders stets als wichtige Aufgabe angesehen. Sie nahm deshalb häufig am Unterricht teil, um von den Lebens- und Arbeitsbedingungen der jungen Arbeiterinnen zu erfahren und zu sehen, wo Abhilfe nötig wäre. So hat sie z.B. erreichen können, dass junge Frauen, die in Kaufhäusern arbeiteten, sich von Zeit zu Zeit hinsetzen durften und nicht länger 8 Stunden ihre Arbeit stehend ausführen mussten.

Als die Schule von Wilmersdorf nach Schöneberg umzog (1983 aus der Friedrichshaller Str.), musste sehr dafür gekämpft werden, dass der Name MarieElisabethLüdersOberschule erhalten bleiben konnte. Da sie sich aber immer auch für die Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen einsetzte, war es folgerichtig für eine Schule, die überwiegend von Frauen besucht wird, diesen Namen zu erhalten.

Also seit 1953 ist eine Schule nach Marie Elisabeth Lüders benannt, die heute eine berufliche Schule im Bereich Sozialwesen ist und vier unterschiedliche Bildungsgänge unter ihrem Dach vereint. Die Namensgeberin unserer Schule, der MELO, war eine Pionierin, die sich sozial und politisch eingesetzt hat, wie Sie lesen konnten. Sie die erste Frau, die an einer deutschen Universität die Doktorwürde für Staatsrecht erlangt hat und die erste und bis heute einzige Alterspräsidentin des Deutschen Bundestages. Auch hat sie die Grundlagen für die „Jugendwohlfahrt“ (Ursprung des heutigen Kinder- und Jugendhilfegesetzes) geschaffen. Ihrem lebenslangen Engagement für Demokratie, Bildung, Freiheit und die Emanzipation der Frau fühlen wir uns besonders verpflichtet. Aus dem Namenskürzel (Marie-Elisabeth-Lüders-Oberschule) ist im Juni 2014 das Motto der MELO unter Beteiligung aller Schülerinnen und Schüler und aller Lehrkräfte der MELO entstanden, das den Geist der Schulgemeinschaft widerspiegelt:


motto



Texte:
1 Bundespressamt
2 Thuß, Luise: „Wer schweigt, stimmt zu …“ Ehrenbürgerin Marie Elisabeth Lüders.
3 Bradter, Hiltrud: Zur Geschichte des Liberalismus. In: Liberal, 33 (1991) 4, S. 93-104.
4 taz, 20.11.2013 (Autor: Uwe Rada)
5 Lüders, Marie-Elisabeth: Fürchte Dich nicht. Persönliches und Politisches aus mehr als 80 Jahren. 1978-1962.
Köln und Opladen: Westdeutscher Verlag 1963, S. 187 f.
6 Tagesspiegel, 25.06.1958 (Autorin: Maria Sack)
7 Juling, Peter: Historisches. (Quelle unbekannt)
8 Abschrift der Verleihungsurkunde der Rheinischen Friedrich-Wilhelm Universität Bonn zum Dr. jur.h.c (privat)
9 Tagesspiegel, 6. Mai 1978

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